Hier hat die Holsteiner Pferdezucht seit Generationen Tradition
Zu Besuch bei Wilfried Johannsen in Tornesch-AhrenloheEs ist Sonntag-Nachmittag und ein leichter Wind streicht durch das Maisfeld hinter der Terasse. Bei einer Tasse Kaffee schaue ich mir Fotos aus 30 Jahren Pferdezucht an und lausche gespannt den Geschichten zu diesen Bildern. Geschichten, die man zu erzählen hat, wenn einem das Züchten schon in die Wiege gelegt wurde. Mir gegenüber sitzt Wilfried Johannsen und zeigt auf eines der Fotos: „Das ist Akinos, ein Sohn des Alcatraz. Er wurde 1993 in Neumünster zum Siegerhengst gekört.”
Wilfried Johannsen gehört zu den Holsteiner Züchtern, bei denen die Pferdezucht liebevoll als „Familienkrankheit” bezeichnet wird. Seit 1910 hat das Züchten in der Familie Johannsen Tradition. Bei Wilfried Johannsen begann es mit dem Erwerb zweier Hengstfohlen – Nachkommen einer Landgraf-Ganeff Stute, die seinem Vater gehörte. Beide Hengste liefen später siegreich in Springprüfungen der Klasse S. „1981 kaufte ich ein Stutfohlen von Calypso I, das wir Thermik tauften. Mit diesem Pferd legte ich meinen züchterischen Grundstein.“ Thermik wurde als Bewegungssiegerstute der Elitestutenschau in Elmshorn ausgezeichnet und erhielt die Staatsprämie. Ihr Sohn Ricardo wurde als Dressurpferd in Neumünster über die Auktion verkauft und lief später siegreich in Dressurprüfungen der Klasse S. Es folgten weitere erfolgreiche Nachkommen wie Akinos (Holsteiner Siegerhengst) und die Vollschwester Akira (Seriensiegerin in Springpferdeprüfungen bis Klasse M).
Aus der Thermik folgten dann drei Corofino-Nachkommen, von denen eine Stute (Heraldik) im Besitz von Wilfried Johannsen blieb. Die beiden anderen Nachkommen wurden erfolgreich im Sport eingesetzt. „Bei meiner Zucht habe ich stets großen Wert auf Leistungsbereitschaft, Rittigkeit und einen guten Charakter der Pferde gelegt.“ betont Wilfried Johannsen. „Mit drei Jahren werden die Pferde angeritten und bis zum vierten oder auch fünften Lebensjahr weiter ausgebildet – so lange bleiben sie meist in meinem Besitz bis sie dann direkt oder über eine Auktion verkauft werden.“ Zwei Kleine in große Fußstapfen Von der Terasse aus führt mich Wilfried Johannsen nun zu seinem jüngsten Nachwuchs. Dazu zählt ein drei Monate altes Hengstfohlen von Calido I aus einer Contendro I - Corofino I - Mutter sowie ein Stutfohlen von Clintord I aus einer Corofino I - Calypso I - Mutter, das am 13.06.09 geboren wurde. „Die kleine Stute hat heute noch einen Termin mit dem Tierarzt.” erzählt uns Wilfried Johannsen. Es werden die Wirbel und Abzeichen in das so genannte Diagramm eingetragen. Dieses Diagramm muss der Züchter dann beim Fohlenbrennen vorlegen. Anschließend zupft die Tierärztin noch ein paar Haare aus, die zum DNA-Labor geschickt werden. Geduldig lässt sich das Stutfohlen von der Tierärztin begutachten. Nachdem alles eingetragen wurde, geht’s wieder ab auf die Wiese.
Mir fällt auf, dass hier schon die Jüngsten ein Halfter tragen. „Je früher die Pferde an das Halfter gewöhnt werden, desto leichter wird der Umgang zwischen Mensch und Pferd.“ erklärt uns Wilfried Johannsen und schaut seinen Stuten hinterher, wie sie entspannt mit ihren Fohlen über die Weide traben. „Wollen Sie auch noch meine beiden „Jungs“ sehen?“ fragt mich Wilfried Johannsen und ist auch schon auf dem Weg. 200 Meter vom Hof entfernt stehen die Jährlinge, beide mit der Fohlen-Prämie ausgezeichnet. „Die sollen hier erst einmal in Ruhe groß werden.” Neugierig kommen die beiden Hengste auf uns zu gelaufen. Auch hier sieht man gleich, dass die Pferde bei Wilfried Johannsen einen guten Umgang genießen. Ohne Scheu und sogar ein wenig aufdringlich untersucht der Schimmel seinen Besitzer nach möglichen Leckereien.
„Würden Sie dieses Pferd auch als Jährling verkaufen oder erst als Dreijährigen?“ frage ich. Natürlich könne man auch einen Jährling bei ihm kaufen. „Die wenigsten Interessenten suchen Jährlinge, da sie sich nicht oder nur schlecht vorstellen können, wie das Pferd mit drei oder vier Jahren aussieht. Bei Fohlen ist das schon wieder anders: da stimmen die Proportionen noch und man verkauft es eher als ein Pferd im Alter von ein oder zwei Jahren.” meint Wilfried Johannsen. Während wir uns noch unterhalten, sind die beiden Hengste schon unterwegs zum anderen Ende der Weide – vielleicht gibt es ja hier etwas zu entdecken oder einfach nur frisches Gras ... Nicoletta Gavar
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